Was ist Schwangerschaftsdiabetes?

Schwangerschaftsdiabetes (oder Gestationsdiabetes mellitus, kurz GDM) ist eine erstmals in der Schwangerschaft festgestellte Störung des Kohlenhydrat-/Glukose-Stoffwechsels. In Deutschland bekommen, nach aktuellen Zahlen aus der Geburtenstatistik, etwa 6% (2017) der Schwangeren einen Diabetes während der Schwangerschaft, wobei die Zahlen seit den letzten Jahren stetig steigen (2013: 4,4%) und in anderen Ländern bereits deutlich höher liegen (> 10%). Damit gehört diese Stoffwechselstörung zu einer der häufigsten Komplikationen während der Schwangerschaft.

Schwangerschaftsdiabetes-Screening in Deutschland

Seit 2012 werden alle Schwangeren über ein zweistufiges Screening zwischen der 25. und 28. Schwangerschaftswoche auf Schwangerschaftsdiabetes getestet. Es besteht aus einem „Vortest“ mit 50 g Glukose (Grenzwert: ≥ 7,5 mmol/l [135 mg/dl]) und bei auffälligem Ergebnis aus einem folgenden oralen Glukosetoleranztest mit 75 g Glukose (oGTT). Bei diesem Test muss man mindestens 8 Stunden nüchtern sein und es wird Blut vor der Aufnahme sowie ein und zwei Stunden danach abgenommen. Liegt bei diesem Test mindestens ein Wert über:

  • nüchtern: ≥ 5,1 mmol/l (92 mg/dl)

  • nach 1 Stunde: ≥ 10 mmol/l (180 mg/dl)

  • nach 2 Stunden: ≥ 8,5 mmol (153 mg/dl)

erfolgt die Diagnose Schwangerschaftsdiabetes.

(Quelle: S3-Leitlinie Gestationsdiabetes mellitus, Diagnostik, Therapie und Nachsorge, 2. Auflage, 2018)

Was genau passiert bei Schwangerschafts-diabetes im Körper?

Die Kohlenhydrat- und Zuckermoleküle aus deiner Nahrung werden durch die Verdauung in einzelne Zuckermoleküle zerlegt und gelangen dann vom Darm in die Blutbahn. Von dort werden sie dann als Energiequelle von den Körperzellen aufgenommen, z.B. den Leber-, Muskel- und Fettzellen. Diese Aufnahme erfolgt jedoch nur mit Hilfe des Bauchspeichelhormons Insulin. Ohne Insulin bzw. mit nur einem schlecht wirkenden Insulin gelangt zu wenig Zucker in die Körperzellen. Als Folge steigt der Blutzuckerspiegel an (siehe Abbildung 1).

 

Die symptomlose Störung

Für viele Betroffene kommt die Diagnose Schwangerschaftsdiabetes völlig unerwartet, da die Erkrankung in der Regel symptomlos verläuft und die auffälligen Blutzuckerwerte nur im Screening-Test erkannt werden. Dennoch gibt es einige Anzeichen:

  • Ein ständiges Durstgefühl – der Körper versucht die erhöhten Blutzuckerwerte mit mehr Flüssigkeit auszugleichen.

  • Der häufige Gang zur Toilette – der Körper versucht den überschüssigen Zucker über die Flüssigkeitsausscheidung loszuwerden.

  • Das Baby ist in seiner Entwicklung überdurchschnittlich groß.

 

Was sind die klassischen Risikofaktoren für Schwangerschaftsdiabetes?

Experten gehen davon aus, dass beim Schwangerschaftsdiabetes die gleichen Risikofaktoren von Bedeutung sind wie beim Typ-2-Diabetes. Es ist jedoch auch bekannt, dass viele der Schwangeren mit Schwangerschaftsdiabetes überhaupt keinen Risikofaktor aufweisen.

 

  • Vorangegangener Schwangerschaftsdiabetes oder Diabetes in der Familie

  • Übergewicht and mangelnde Bewegung

  • Exzessive Gewichtszunahme während der Schwangerschaft (mehr als die aktuelle Empfehlung)

  • Massives Bauchfett

  • Rauchen

  • Alter (in der Literatur gibt es für diesen Risikofaktor verschiedene Angaben, die variieren von 25-45 Jahre und älter)

  • Ethnische Herkunft (afroamerikanische, hispanoamerikanische und asiatische Leute haben ein höheres Risiko)

  • Schweres Baby in einer vorangegangenen Schwangerschaft (unterschiedliche Angaben aber meistens ab 4,5 kg)

  • Unerklärte Totgeburten oder missgebildete Babys in vorangegangenen Schwangerschaften

  • PCO-Syndrom (Polytystisches Ovar-Syndrom)

 

 

Abbildung 1: Metabolische Veränderungen bei Schwangerschaftsdiabetes

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Wieso wirkt mein Insulin so schlecht in der Schwangerschaft?

Die Gründe für diese Veränderungen sind vielfältig. Zum einen kommt natürlich die Gewichts- und mitunter exzessive Fettzunahme zum Tragen. Eine entscheidende Rolle spielt jedoch die veränderte Hormonlage.

In der Schwangerschaft werden von der Plazenta verschiedene Hormone (Östrogen, Cortisol, humanes Plazentalaktogen, Progesteron, Wachstumshormon) gebildet, die zwar für die gesunde Entwicklung des Embryos von entscheidender Bedeutung sind, aber auch den Glukosestoffwechsel beeinflussen (siehe Abbildung 1). Sie führen dazu, dass die Insulinempfindlichkeit in der 2. Schwangerschaftshälfte um 50% sinkt. Die Insulinresistenz der Mutter hat auch eine physiologische Bedeutung, da auf diese Art mehr Glukose für das Baby verbleibt und die Mutter vermehrt auf Fett als Energieträger umsteigt. Evolutionär macht dieser Mechanismus durchaus Sinn, denn so konnte das Baby auch ausreichend mit Glukose versorgt werden, wenn mal nicht so viel Essen zur Verfügung stand.

Den stärksten Effekt auf den Blutzuckerspiegel haben die Hormone Cortisol (höchste Werte um die 26. SSW) und Progesteron (höchste Werte um die 32. SSW). Da bis zur 32. SSW der Progesteron-Spiegel weiter ansteigt, klagen viele Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes über eine Verschlechterung der Blutzuckerwerte bis zu diesem Zeitpunkt. Nach der 36./37. Schwangerschaftswoche werden hingegen in der Regel weniger Hormone von der Plazenta freigesetzt, wodurch sich die Blutzuckerwerte wieder verbessern können.

Was sind die Grenzwerte für eine "gute" Blutzuckereinstellung?

Der Schwangerschaftsdiabetes wird in der Regel zunächst mit einer Ernährungsumstellung und mit der Empfehlung für mehr körperliche Aktivität therapiert. Ziel ist es die Blutzuckerwerte nüchtern zwischen 3,6-5,3 mmol/l (65-95 mg/dl), 1h nach dem Essen weniger als 7,8 mmol/l (<140 mg/dl) und 2h nach dem Essen weniger als 6,7 mmol/l (<120 mg/dl) zu halten. In der Routine wird empfohlen nur den 1h-Wert zu messen, da der am besten mit dem Glukosehöhepunkt nach dem Essen und dem fetalen Wachstum korreliert.

Laut Gestationsdiabetes-Leitlinie sollte erst mit einer Insulintherapie begonnen werden, wenn 50% der Zielwerte innerhalb einer Woche, auch wenn nur isoliert der Nüchternglukose-Werte betroffen ist, überschritten werden. Da adipöse Frauen (BMI > 30) mit Schwangerschaftsdiabetes ein höheres Risiko für Schwangerschaftskomplikationen haben, wird empfohlen eine frühzeitige Insulintherapie genau abzuwägen.

Was bedeutet der Schwangerschaftsdiabetes für:

 

das Baby?

Durch die erhöhten Blutzuckerspiegel der Mutter wird das Baby mit zu viel Glukose versorgt. Die Bauchspeicheldrüse des kleinen Babys wird aktiv: Anzahl und Größe der Insulin-produzierenden Zellen nimmt zu und mehr Insulin wird produziert um die hohen Blutzuckerspiegel zu senken. Als Folge wird mehr Glukose in die Zellen aufgenommen und in Form von Fett eingelagert. Es kann daher zu einer exzessiven Gewichtszunahme/Fetteinlagerung (insbesondere im Bauchbereich) des Babys (Geburtsgewicht über 4-4,5 kg) kommen. Außerdem kommt es zu einer Stoffwechselprägung beim Baby, die spätere Erkrankungen wie Übergewicht, Diabetes und Herzkreislauferkrankungen begünstigen.

 

Weiterhin gehen erhöhte Blutzuckerwerte einher mit einem höheren Risiko von:

  • Fehlgeburten/Missbildungen (Schäden an den Organen)

  • Geburtsverletzungen/vorzeitige Wehen/Störungen bei der Lungenreifung

  • Unterzuckerungen beim Baby nach der Geburt

  • Gelbsucht nach der Geburt

  • Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie)

 

und für die werdende Mutter?

Der Schwangerschaftsdiabetes kann nicht nur Folgen für das Neugeborene bedeuten, auch gesundheitliche Beeinträchtigungen und Folgeerkrankungen der Mutter sind möglich. Ein unbehandelter GDM erhöht die Wahrscheinlichkeit für:

  • Bluthochdruck, Harnwegsinfektionen, Schwangerschaftsvergiftung

  • erhöhtes Risiko im weiteren Verlauf an Diabetes und Herzkreislauferkrankungen zu erkranken

  • erhöhtes Risiko für Kaiserschnitte, Geburtsverletzungen und Einschränkungen in der selbstbestimmten Geburt (ärztliche Empfehlung zur Einleitung spätestens mit dem errechneten Geburtstermin)

  • außerdem haben Störungen im Glukosestoffwechsel Einfluss auf die Fruchtbarkeit

 

Hohes Risiko für späteren Diabetes!

Nach der Entbindung normalisiert sich die Stoffwechsellage häufig wieder, doch damit ist die Gefahr nicht gebannt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit tritt in folgenden Schwangerschaften wieder eine Glukosetoleranzstörung auf. Langfristig erkranken Frauen nach einem GDM häufiger an einen manifesten Diabetes als Frauen (50-60% der Frauen!) ohne diese Stoffwechselstörung in der Schwangerschaft. Der GDM ist daher das erste Warnsignal, dass man eine Prädisposition für Diabetes besitzt. Um dem entgegen zu wirken, ist es gut zu stillen. Stillen reduziert den Blutzuckerspiegel und das Insulinlevel, da die Brust für die Milchproduktion Laktose aus Glukose synthetisiert. Außerdem steigt die Insulinsensitivität durch hormonelle Veränderungen wie höhere Prolaktinwerte und geringere Cortisol- und Östrogen-Werte.

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© 2020 Claudia Miersch. Erstellt mit Wix.com.

Impressum

Dr. Claudia Miersch

Ernährungswissenschaftlerin

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