Warum haben auch viele schlanke Frauen Schwangerschafts-diabetes?

In der Literatur und beim Arzt hört man immer, dass Übergewicht, genetische Veranlagung und exzessive Gewichtszunahme während der Schwangerschaft die Hauptrisikofaktoren für die Entstehung eines Schwangerschaftsdiabetes sind. Jedoch gibt es auch viele Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes (Studie von 2016: 45%), die vor der Schwangerschaft einen normalen BMI aufwiesen (siehe Tabelle 1) und auch keine weiteren Risikofaktoren haben. Die Datenlage ist dabei von Land zu Land sehr verschieden (siehe Tabelle 2).

Tabelle 1: Die Häufigkeit von Schwangerschaftsdiabetes (GDM) in Abhängigkeit vom BMI (Untergewicht: <18,5; Normalgewicht: 18,5-24,9; Übergewicht/Adipös >25)

Tabelle 2: Anteil an Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes und normalen BMI in verschiedenen europäischen Ländern (Studie von Vellinga et al.)

Gibt es Unterschiede zwischen Frauen mit normalen und übergewichtigen BMI bei der Ausprägung des Schwangerschaftsdiabetes?

Im Verlauf der Schwangerschaft kommt es durch verschiedene Schwangerschaftshormone aus der Plazenta zu einer wachsenden Insulinresistenz, d.h. die Zielzellen (Leber, Muskel und Fettgewebe) werden unempfänglich für das Insulinsignal und nehmen weniger gut die Glukose aus dem Blut auf. Man geht etwa von einer 50-70%igen Minderung der Insulinwirkung aus. Jedoch sind die genauen Mechanismen wie es zu dieser Insulinresistenz während der Schwangerschaft kommt, nicht bekannt. Wissenschaftliche Ergebnisse zeigen, dass dünne wie dicke Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes bereits eine höhere Insulinresistenz vor der Schwangerschaft aufwiesen im Vergleich zu Frauen ohne Störungen im Glukosestoffwechsel während der Schwangerschaft (Catalano et al.).

Aber wieso ist das von der Natur so angelegt?

Die Insulinresistenz der Schwangerschaft unterstützt die Versorgung des Ungeborenen, da durch die langsamere Aufnahme von Glukose in die Zielzellen, mehr Glukose dem Fetus zur Verfügung gestellt werden kann. Gerade im 2. und 3. Trimester der Schwangerschaft wächst das Ungeborene sehr schnell und braucht daher viel Energie. Um trotz der Insulinresistenz normale Blutzuckerspiegel aufrecht zuhalten, wird mehr Insulin ausgeschüttet. Nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit ist die Insulinausschüttung  3- bis 4-mal höher in der Schwangerschaft als davor.

Metabolische Unterschiede beim Schwanger-schaftsdiabetes zwischen normal- und übergewichtigen Frauen

Bei Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes ist der Körper nicht in der Lage die notwendige Steigerung der Insulinproduktion zu leisten. Die Ergebnisse aus einigen Studien deuten an, das dünne Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes an einem relativen Insulinmangel (durch eine inadäquate Insulinsekretion) leiden (Kautzky-Willer et al., Catalano et al.).  Dabei scheint insbesondere die erste Phase der Insulinausschüttung (bis 5 min nach Nahrungsaufnahme) nicht ausreichend zu funktionieren (Catalano et al.). Übergewichtige Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes weisen meist deutlich höhere Insulinspiegel auf mit einer stärker ausgeprägten Insulinresistenz (Cheney et al., Catalano et al.). Veranschaulicht ist das einmal in Abbildung 1 dargestellt. Beim klassischen Diabetes hat man festgestellt, dass es auch schlanke Menschen treffen kann. Aus Studien mit dünnen Erwachsenen, die trotzdem Diabetes Typ 2 entwickelt haben, weiß man, dass auch sie eine gestörte Insulinsekretion aufweisen (George et al.). Zusammengefasst ergibt sich grob folgendes Bild:

 

Inadäquate Insulinsekretion

Normalgewichtig

1. Höhere Insulinresistenz bereits vor und nach der Schwangerschaft.

 

 

2. In der 1. Phase der Insulinausschüttung wird während der gesamten Schwangerschaft deutlich weniger Insulin ausgeschüttet.

 

3. Die 2. Phase ist nicht verändert.

 

 

4. Die Verbrennung von Kohlenhydraten steigt an während die Fettverbrennung gleich bleibt.

Ausgeprägte Insulinresistenz

Übergewichtig

1. Höhere Insulinresistenz vor, während und nach der Schwangerschaft.

 

2. Während der Schwangerschaft wird gleichviel oder etwas mehr Insulin in der 1. Phase ausgeschüttet.

 

 

3. In der 2. Phase wird sogar mehr Insulin ausgeschüttet.

 

4. Die Verbrennung von Kohlenhydraten bleibt gleich während die Fettverbrennung ansteigt.

Was diese Unterschiede für die Behandlung und die Beratung eines jeweiligen bedeuten, ist leider noch nicht abzusehen, da die Forschung diese Heterogenität leider noch viel zu wenig Beachtung schenkt. Außerdem wird das Risiko, dass auch schlanke Frauen an Schwangerschaftsdiabetes erkranken noch immer oft unterschätzt, da man noch nicht die genauen Ursachen für die Entwicklung dieser Stoffwechselstörung in der Schwangerschaft kennt.

Quellen:

  1. Cheney et al. Demonstration of heterogeneity in gestational diabetes by a 400-kcal breaktfast meal tolerance test. 1985 65(1):17-23

  2. Catalano PM Trying to understand gestational diabetes. 2014 31(3):273-81

  3. Kautzky-Willer et al. Pronounced insulin resistance and inadequate beta-cell secretion characterize lean gestational diabetes during and after pregnancy 1997 20(11):1717-23

  4. George et al. Lean diabetes mellitus: an emerging entity in the era of obesity 2015 6(4): 613-20

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© 2020 Claudia Miersch. Erstellt mit Wix.com.

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Dr. Claudia Miersch

Ernährungswissenschaftlerin

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