Wie viel Kohlenhydrate werden bei Schwangerschaftsdiabetes empfohlen?

Die verzehrte Menge an Kohlenhydraten spielt eine entscheidende Rolle beim Schwangerschaftsdiabetes, da diese der Haupteinflussfaktor für die Blutzuckerwerte nach dem Essen sind. Daher möchte man natürlich gerne wissen, wie viel Kohlenhydrate darf ich denn noch essen?

Wo liegt der Grenzwert für die Kohlenhydrataufnahme?

Diese Frage kann man leider aus verschiedenen Gründen nicht so leicht beantworten. Zwar beeinflussen die Kohlenhydrate den Blutzucker maßgeblich, jedoch wird der Anstieg  auch von anderen Faktoren, wie weitere Nahrungskomponenten, die Art der Kohlenhydrate oder deren Qualität, bestimmt. Das erschwert die Festlegung eines Grenzwertes. Ein weiteres Problem ist, dass es keine speziellen Empfehlungen für die Ernährungstherapie bei Schwangerschaftsdiabetes gibt, sondern die Ernährungsempfehlungen vom klassischen Diabetes Typ 2 herangezogen werden. Spezielle Schulungsprogramme für einen Schwangerschaftsdiabetes sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ausreichend in der Literatur evaluiert.

Wie lauten die Empfehlungen?

Laut Gestationsdiabetes-Leitlinie (2018) wird folgende Nährstoffverteilung empfohlen:

  • Kohlenhydrate 40-50 %,

  • Protein 20 % und

  • Fett 30-35 %.

Es wird darauf hingewiesen, dass sich eine Begrenzung der Kohlenhydrate auf 40-45 % günstig auf die Blutzuckerwerte nach dem Essen auswirkt. Der Kohlenhydratanteil sollte jedoch nicht unter 40 % sinken (nach Major et al. und Jovanovic) und auf keinen Fall sollten weniger als 175 g/Tag gegessen werden (Leitlinie 2011, nur noch im Nebensatz in Leitlinie 2018), um Unterzuckerungen und Ketosen (siehe Thema Ketose in der Schwangerschaft) zu vermeiden. Die amerikanischen Empfehlungen liegen sogar noch etwas darunter, bei nicht weniger als 130 g/Tag (Institute of Medicine, 2002). Kohlenhydrate mit einem niedrigen glykämischen Index sollen bevorzugt verzehrt werden. Weiterhin wird das Diätkonzept gegen Bluthochdruck (DASH-Diät) empfohlen. Die Kohlenhydratmenge soll auf 3 nicht zu große Hauptmahlzeiten und 2-3 kleinere Zwischenmahlzeiten (inkl. Spätmahlzeit) verteilt werden. Da der Blutzuckeranstieg morgens am größten ist (aufgrund einer erhöhten morgendlichen Insulinresistenz), wird eine geringere Kohlenhydratmenge zum Frühstück als zum Mittag und Abendessen angeraten. Diese Empfehlungen werden jedoch nicht ausreichend mit Studien belegt. 

Kohlenhydratempfehlungen bei gesunder Ernährung und Diabetes Typ 2

Die konventionelle Empfehlung für die Kohlenhydrataufnahme bei einer gesunden Ernährung liegt bei mindestens 50 % (DGE Leitlinie Kohlenhydrate). Außerdem wird Diabetes Typ 2- Patienten immer noch geraten mehr als die Hälfte der Energie in Form von Kohlenhydraten aufzunehmen (DGE), obwohl bekannt ist, dass die Kohlenhydrate diese Erkrankung mitverantworten. Bisher ist, laut Leitlinie Kohlenhydrate der DGE, kein ausreichender Zusammenhang zwischen der absoluten Menge zugeführter Kohlenhydrate und dem Auftreten von Diabetes Typ 2 gegeben. Lediglich der regelmäßige Konsum von zuckergesüßten Getränken erhöht wahrscheinlich das Diabetesrisiko, während der Verzehr von wasserlöslichen Ballaststoffen möglicherweise das Risiko senkt.

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Ergebnisse aus der Forschung über...

die Kohlenhydratmenge

In den 90er Jahren wurden einige Studien durchgeführt, die sich mit der Menge der Kohlenhydratzufuhr bei Schwangerschaftsdiabetes beschäftigten.  Eine Studie aus dem Jahr 1991 empfiehlt für einen Blutzuckerwert unter 6.7 mmol (nach 1 Stunde) zum Frühstück, Mittag und Abendessen jeweils eine Mahlzeit mit 33 %, 45 % und 40 % Kohlenhydratanteil (Peterson 1991). Eine Kohlenhydratzufuhr von unter 42 % bei Schwangerschaftsdiabetes hat sich in einer Studie aus den USA positiv auf die Blutzuckerwerte nach dem Essen und einige Geburtsparameter ausgewirkt (Major et al.). Leider gehen die Autoren nicht darauf ein, wie viele Kohlenhydrate die Versuchsteilnehmer genau im Mittel gegessen haben. Bei 2 Probanden konnte die Ausscheidung von Ketonkörpern (Anzeichen für eine Ketose) während der Studie festgestellt werden. Durch Erhöhung des Kohlenhydratanteils konnte dies jedoch wieder behoben werden. Zusammenfassend empfohlen die Autoren auf eine ausreichende Energiezufuhr zu achten, um eine Hungerketose zu vermeiden und gleichzeitig die Kohlenhydrate auf 30-40 % zu reduzieren, um den Blutzuckeranstieg nach dem Essen „in Griff“ zu bekommen.

Es liegen jedoch auch wissenschaftliche Ergebnisse, die keine Verbesserung von Geburtsparametern und der Rate an insulinpflichtigen Schwangerschaftsdiabetikerinnen nach einer kohlenhydratreduzierten Diät  finden (Moreno-Castilla et al.). Jedoch sehe ich bei dieser Studie einige methodischen Schwächen, die möglicherweise einen positiven Effekt der kohlenhydratreduzierten Kost verschleiern. Generell ist die Studienlage nicht ganz eindeutig. Sowohl Diäten mit einem hohen (65 %), als auch solche mit einem niedrigen (45 %) Kohlenhydratdanteil können zum Erreichen der Normwerte führen (Cypryk et al.). Die Autoren empfehlen eine Limitierung lediglich den Frauen, die die höchsten Blutzuckerwerte nach dem Frühstück haben.

die Qualität der Kohlenhydrate

Ein paar Jahre später beschäftigte man sich nicht nur ausschließlich mit der zugeführten Kohlenhydratmenge, sondern zunehmend mit der Frage: Wie „komplex“ müssen die verzehrten Kohlenhydrate sein, damit die Blutzuckerwerte „im Rahmen“ bleiben? Werden viele Kohlenhydrate mit einem niedrig-glykämischen Index verzehrt, können Therapieziele trotzdem erreicht werden (Moses et al., Hu et al., Hernandez and Brand-Miller). Es ist also nicht nur die Menge an Kohlenhydrate entscheidend sondern wie schnell diese vom Körper verstoffwechselt werden und im Blut nachweisbar sind. Außerdem gibt es in der Literatur Hinweise darauf, dass ein erhöhter Fettanteil in der Nahrung bedingt durch die Kohlenhydratrestriktion, negative Auswirkungen auf das Baby haben könnte (Schaefer-Graf et al.).

Alternative Empfehlungen

In dem Buch von Lily Nichols, an dem ich mich während meines Schwangerschaftsdiabetes sehr stark orientiert habe, werden tägliche Kohlenhydratmengen von 90-150 g empfohlen. Bei einer durchschnittlichen Kalorienzufuhr von 2000 kcal würde diese Kohlenhydratmenge 18-30 % der täglichen Energiezufuhr ausmachen, also deutlich weniger als 42 %.

Mein Fazit

Beim Lesen der Gestationsdiabetes-Leitlinie und den entsprechenden Literaturverweisen bekommt man den Eindruck, dass selbst die Fachwelt sich nicht einig darüber ist, welches Minimum an Kohlenhydraten mindestens noch gegessen werden müssen um eine Stoffwechselentgleisung vorzubeugen und wie hoch das Maximum sein darf um „normale“ Zuckerwerte zu haben. Jedes Land scheint da seine eigenen „Grenzwerte“ zu etablieren. Ich denke, es fehlt noch ein bisschen Forschungsarbeit, um Betroffenen eine eindeutige und wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlung zu geben. Das macht es für Frauen, die gerade Schwangerschaftsdiabetes haben, wahrlich nicht leicht. Ich selber konnte während meiner Zeit mit Schwangerschaftsdiabetes gerade morgens nur sehr wenig Kohlenhydrate vertragen und habe mich auch an die Empfehlung von Lily Nichols mit 120-150 g Kohlenhydraten pro Tag orientiert. Die Kohlenhydrate auf möglichst viele kleine Mahlzeiten zu verteilen, hat mir auch sehr geholfen.

Quellen:

  1. Gestationsdiabetes mellitus (GDM) – evidenzbasierte Leitlinie zu Diagnostik, Therapie und Nachsorge (1. Auflage 2011)

  2. S3-Leitlinie Gestationsdiabetes mellitus, Diagnostik, Therapie und Nachsorge (2. Auflage, 2018)

  3. Dietary Reference Intakes for energy, carbohydrate, fiber, fat, fatty acids, cholesterol, protein and amino acids Institute of Medicine 2002

  4. Major C et al. The effects of carbohydrate restriction in patients with diet-controlled gestational diabetes 1998 Obstet Gynecol. 91(4):600-4

  5. Jovanovic L Role of diet and insulin treatment of diabetes in pregnancy. 2000 Clin Obstet Gynecol 43(1): 46-55

  6. Moreno-Castilla et al. Low-carbohydrate diet for the treatment of gestational diabetes mellitus: a randomized controlled trial 2013 Diabetes Care 36(8):2233-8,

  7. Cypryk et al. A comparison of the effectiveness, tolerability and safety of high and low carbohydrate diets in women with gestational diabetes.  2007 Endokrynol Pol. 58(4):314-9

  8. Hernandez and Brand-Miller Nutrition Therapy in gestational diabetes mellitus: time to move forward 2018 41(7):1343-1345

  9. Moses et al. Can a low-glycemic index diet reduce the need for insulin in gestational diabetes mellitus? A randomized trial 2009 Diabetes Care 32(6):996-1000

  10. Hu et al. A low glycemic index staple diet reduces postprandial glucose values in Asian women with gestational diabetes mellitus 2014 J Investig Med 62(8): 975-9

  11. Schaefer-Graf et al. Maternal lipids as strong determinants of fetal environment and growth in pregnancies with gestational diabetes mellitus 2008 Diabetes Care 31(9):1858-63

© 2020 Claudia Miersch. Erstellt mit Wix.com.

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Dr. Claudia Miersch

Ernährungswissenschaftlerin

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