Das "verflixte Ding" mit dem Nüchternblutzuckerspiegel

Zum Glück blieb ich von erhöhten Nüchternblutzuckerspiegeln während meiner Schwangerschaft verschont, aber Erfahrungsberichte aus Internetforen zeigen, dass Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes häufiger davon betroffen sind und sie auch aufgrund dieser Erhöhung Insulin spritzen mussten. Wissenschaftliche Zahlen sagen, dass etwa jede 4. Frau mit Schwangerschaftsdiabetes (nach Sokup et al.: 23%) erhöhte Nüchternblutzuckerwerte aufweist.

Welche Nüchternblutzuckerwerte sind in der Schwangerschaft zu hoch?

Nüchtern (also morgens vor dem Frühstück) sollte der Blutzucker in der Schwangerschaft nicht über 5,1 mmol/l (92 mg/dl) liegen. Man sollte wissen, dass dieser Grenzwert deutlich unter den Schwellenwerten für die Diagnose eines Diabetes Typ 2 liegt. Dort spricht man bei Nüchternblutzuckerwerten von 5,6-6,9 mmol/l (100-125 mg/dl) von erhöhten Nüchternblutzuckerspiegeln im prädiabetischen Bereich und erst von Werten über 7 mmol/l (>125 mg/dl) von Diabetes. Auch wenn die Grenzwerte noch weit weg von einem klassischen Diabetes erscheinen, ist es doch ein Hinweis darauf, dass im Stoffwechsel etwas nicht in Balance ist und das sollte man ernst nehmen. Zur Orientierung: im Durchschnitt hat eine Schwangere einen Nüchternblutzuckerwert von 3,9 mmol/l (71 mg/dl)!

Die Leber als mögliche Ursache

Viele Frauen können nicht verstehen, wieso ihr Blutzuckerspiegel morgens hoch ist, obwohl sie schon seit Stunden nichts gegessen haben. Der Hauptgrund dafür ist die Leber als wichtiges Stoffwechselorgan. Wenn unser Blutzuckerspiegel nachts aufgrund der fehlenden Nahrung absinkt, gibt die Leber Glukose ins Blut ab, damit alle Organe weiterhin gut versorgt werden können. Durch Insulin wird diese Abgabe reguliert. Reagiert die Leber jedoch nicht mehr optimal auf das Insulinsignal (durch eine Leberverfettung und Insulinresistenz), gibt die Leber mehr Glukose ins Blut ab als notwendig ist, wodurch es zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel am Morgen kommt (Bas Kast Der Ernährungskompass 2018, Leberfasten nach Dr. Nicolai Worm). Dabei gilt in der Regel: je mehr die Leber verfettet ist, desto weniger reagiert sie auf Insulin, ist also insulinresistenter (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Eine Verfettung der Leber ist ein metabolischer Teufelskreis (übernommen und angepasst von www.leberfasten.com).

Risikofaktor Leberverfettung

Die Leberverfettung ist dabei häufig unabhängig vom Körpergewicht, das heißt es sind nicht nur Menschen betroffen, die stark übergewichtig sind (Ärztezeitung 2010, Leberfasten nach Dr. Nicolai Worm). Es ist bekannt, dass gesättigte Fettsäuren und Softdrinks (aufgrund des hohen Fructose-Gehaltes) besonders zur Leberverfettung beitragen (Ärztezeitung 2010).

Ein erhöhter Nüchternglukosespiegel und eine verfettete Leber sind sehr starke Risikofaktoren für das Auftreten eines Diabetes Typ 2 in den Folgejahren (Kim et al.). Diabetes (Typ 2) Studien bestätigen diese Tendenz: Menschen mit einem erhöhten Nüchternblutzuckerspiegel (ohne gestörte Blutzuckerwerte nach den Mahlzeiten) haben hauptsächlich eine Insulinresistenz der Leber und eine normale Muskelinsulinsensitivität. Das bedeutet ihre Muskeln reagieren angemessen auf das Hormon Insulin, während die Leber das nicht tut. Menschen mit erhöhten Blutzuckerwerten nach den Mahlzeiten zeigen eher eine normale bis leicht reduzierte Leberinsulinsensitivität  aber eine moderat bis stark reduzierte Muskelinsulinsensitivität - also genau anders herum. Menschen mit beiden Störungen (sowohl nüchtern wie nach den Mahlzeiten) haben eine geringere Leber- und Muskelinsulinsensitivtät (Nathan et al.).

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Wie wird man die Fettleber wieder los?

Bewegung – verbessert zumindest die Insulinsensitivität der Muskelzellen und diese nehmen zumindest überschüssigen Blutzucker aus dem Blut auf. Eine Kalorienrestriktion (ca. 1100 kcal) mit Aufnahme von weniger Kohlenhydraten, genügend Eiweiß und gesundem Fett (Leberfasten nach Nicolai Worm) ist eine effektive Methode um dem Fett in der Leber zu Leibe zu rücken. Durch die verringerte Kalorienzufuhr muss der Körper an seine Reserven gehen und wird so Stück für Stück das eingelagerte Fett in der Leber abbauen (das funktioniert also nicht von heute auf morgen). Der Insulinspiegel sollte möglichst niedrig gehalten werden, um an die Fettreserven zu gehen. In der Schwangerschaft wird jedoch von so einer Art Diät abgeraten (zumindest von so einer starken Kalorienrestriktion). Trotzdem kann man ein paar Sachen ausprobieren um die Nüchternwerte ins Lot zu bringen:

 

  • moderate Bewegung (besonders gut nach den Mahlzeiten)

  • Kohlenhydrate reduzieren und ausschließlich ballaststoffreiche, komplexe Kohlenhydrate verzehen um den Blutzucker möglichst nicht so stark ansteigen zu lassen.

  • Ein kleiner abendlicher Snack mit wenig Kohlenhydraten (ca. 10 g) kurz vorm Schlafen gehen; zwischen der letzten Mahlzeit am Abend und dem ersten Bissen am Morgen sollten nicht mehr als 10 h liegen (Empfehlung aus dem Buch von Lily Nichols). Dies soll den Blutzucker stabilisieren, damit die Leber morgens nicht ganz so aktiv werden muss.

  • Nüchternspiegel gleich im Bett messen und nicht erst wenn man aufgestanden ist, da der Stoffwechsel bereits nach dem Aufstehen in Gang kommt

Erhöhte Nüchternblutzuckerspiegel trotz Normalgewicht

 

Kleine persönliche Geschichte am Rande

Mein Mann beschwerte sich oft morgens, dass er noch keinen Hunger auf Frühstück hätte. Er fühle sich noch richtig satt, obwohl er ja die ganze Nacht nichts gegessen hatte. Während meiner Zeit mit Schwangerschaftsdiabetes kam ich irgendwann auf die Idee, dass wir morgens auch mal bei ihm messen könnten (Nach den Mahlzeiten hatten wir auch schon bei ihm gemessen, da ich mal einen Vergleich habe wollte, wie hoch sein Blutzuckerwert ist. Die Werte waren super, obwohl er deutlich mehr gegessen hatte als ich). Zu unserer großen Überraschung hatte er leicht erhöhte Nüchternblutzuckerwerte (zwischen 5,6 und 6,9; prädiabetischer Bereich). Wir haben dann auch an weiteren Tagen gemessen und das Ergebnis blieb ähnlich. Wir hatten wirklich nicht damit gerechnet, da mein Mann ein sehr schlanker Typ ist, sich sehr viel auf Arbeit bewegt und in der Freizeit viel Sport treibt. Allerdings muss erwähnt werden, dass in seiner Familie eine Prädisposition für Diabetes Typ 2 vorliegt und er auch sehr gerne nascht ;-)! Aufgrund seines Berufes hat er zum Mittag immer relativ wenig gegessen und erst abends gab es eine große warme Mahlzeit und häufig noch Snacks und ein Feierabendbier vor dem Fernseher oder nach dem Sport. Wir dachten bisher, das wäre alles kein Problem, weil er ja total schlank und sportlich ist. Aber daran kann man mal sehen, wie sehr der Stoffwechsel bereits aus dem Ruder geraten sein kann ohne dass man äußere Anzeichen dafür sieht. Durch Umstellungen bei den Häufigkeiten und der Verteilung der Mahlzeiten versuchen wir aktuell den Stoffwechsel wieder ins Lot zu bringen ;-).

Quellen:

  1. Sokup et al. Impaired fasting glukose as a marker of heterogeneity of gestational diabetes mellitus. A study of 1025 women living in the region of Kuyavia and Pomerania in Poland 2009 60 (5): 348-352

  2. Bas Kast “Der Ernährungskompass” 2018 Bertelsmann-Verlag

  3. Dr. Nicolai Worm, Melanie Teutsch „Die 4-Wochen-Kur gegen Fettleber, Leberfasten nach Dr. Worm, 2019 Trias-Verlag oder die Homepage www.leberfasten.com

  4. Ärztezeitung 04.01.2010 https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/magen_darm/article/581215/je-fetter-leber-desto-resistenter-zellen-insulin.html 

  5. Kim et al. Gestational diabetes and the incidence of type 2 diabetes: a systematic review 2002 Diabetes Care 25(10): 1862-8

  6.  Nathan et al. Impaired fasting glucose and impaired glucose tolerance 2007 Diabetes Care 30 (3): 753-759

  7.  Real food for gestational diabetes von Lily Nichols (2015)

© 2020 Claudia Miersch. Erstellt mit Wix.com.

Impressum

Dr. Claudia Miersch

Ernährungswissenschaftlerin

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